Vorgeschichte des 1. Mai in Kreuzberg

Ein Unvollständiger Abriss …

In den Jahren vor 1988 gab es am 1. Mai einen mal kleineren, mal grösseren linksradikalen Block auf der DGB-Demo am 1. Mai. Am 1. Mai 1986 war es dann autonomen (kommunistischen) Gruppen gelungen, einen linksradikalen Block (in Absprache mit Gewerkschaftslinken von hbv und ötv) mit einer Stärke von ca. 3000 Menschen zu bilden, innerhalb eines Demozuges der als Sternmarsch zur Abschlusskundgebung vor das Reichstagsgelände führte. Da die Demoroute am Knast Moabit vorbeiführte, hatte die Blockvorbereitung natürlich einen Redebeitrag zur Isofolter und zur Zusammenlegung und der Freilassung der Gefangenen aus RAF und Widerstand als auch der noch in Moabit einsitzenden Gefangenen aus der Bewegung 2. Juni gehalten. Die Redebeiträge und die lautstarken Parolen: „Sprengt die Knäste…“ „1, 2, 3, lasst die Gefangenen frei“ führte zu ersten Bullenangriffen, die man aber geschlossen abwehrte. Der Demozug hatte dann Bullenspalier bis er als Sternmarsch zur Abschlusskundgebung vor dem Reichstag eintraf. Die DGB-RednerInnen gingen unter in einem Pfeifkonzert. Plötzlich rannten behelmte Bullen in die Kundgebung und wollten den linksradikalen Block abspalten, wie auch TeilnehmerInnen rausgreifen – was ihnen aber misslang. Es kam zu heftigen Prügeleien, viele GewerkschafterInnen solidarisierten sich mit den Autonomen. Es gelang, die Bullen gemeinsam aus der Kundgebung zu trennen; nur die DGB-Bonzen auf der Bühne mussten sich wieder unsolidarisch verhalten, so dass es einem Teil der Autonomen zu bunt wurde und in Richtung Bühne drängten, um sich das Rederecht zu erkämpfen. Ein Bullenkordon von GewerkschaftsordnerInnen postierten sich daraufhin vor die Tribüne, um die DGB-Bonzen zu schützen.

Fazit: Berlin hatte zum ersten mal eine DGB-Massenveranstaltung, die durch Bulleneinsatz faktisch vorzeitig beendet wurde.

Der kalte Winter 1987 ging bis fast in den April hinein. Bei fast 25 Grad minus über 2 Monate hinweg, wo es auch mehrere erfrorene Obdachlose gab, weigerte sich der Senat mehr Kohlengeld zu bezahlen. Gleichzeitig hatte er aber die 750-Jahr-Feiern mit pompösen Gala- und Dinner-Abenden in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt, wie der ICC-Ball von Diepgen am 30.04.87.

Aufstand in Kreuzberg

Das mittags beginnende 1. Mai-Fest auf dem Lausitzer Platz in Kreuzberg war stark frequentiert, einschliesslich politischen Initiativen von Mieterinis bis zu Infotischen revolutionärer Organisationen (Dev Sol, Kurtulus, usw.). Da verbreitete sich die Nachricht auf dem Fest, dass Innensenator Kewenig zuvor schon in der Nacht zum 1. Mai den Mehringhof und das dort ansässige Volkszählungsboykott-Büro mit über 300 Bullen durchsuchen liess. Während die einen dazu aufriefen, zum Mehringhof zu eilen und Beistand zu leisten (obohl die Bullen ihn längst verlassen hatten), war für den organisierten Teil der Autonomen schnell klar, auf die politische Provokation vor Ort – also im Stadtteil – zu antworten. Also wurde die Hundertschaft Bullen, die zur präventiven Beobachtung des Festes eingesetzt war, angegriffen und erstmal aus der näheren Umgebung des 1. Mai-Festes am Lausitzer Platz verjagt. Der anrückenden Verstärkung fiel dann auch nichts anderes ein, ohne Vorwarnung die tausenden anwesenden TeilnehmerInnen mit CS-Gas einzunebeln, Informationsstände umzukippen – und welche/wer nicht freiwillig schnell genug das weite suchen konnte, bekam auch noch den Schlagstock auf Rücken und Kopf.

Ab hier übernahmen die organisierten Autonomen ihre Verantwortung, indem sie das Fest noch versuchten zu verteidigen, was aber angesichts des CS-Gases und der brutalen Übergriffe der Bullen auf Einzelne nicht mehr möglich war. So ging man von der Verteidigung zum Angriff über und die Wut der Fest-TeilnehmerInnen entlud sich zum aktiven Handeln. Der Part der organisierten Autonomen bestand nun darin, unter tatkräftiger Teilnahme der StadtteilbewohnerInnen alle Zufahrtstrassen von SO36 zu verbarrikadieren um die anrückende Bullenarmada schon an den „Checkpoints“ aufzuhalten. Die Bullen, die das Fest überfallen hatten, waren durch die spontane Massenmilitanz immer mehr in die Defensie geraten und zogen sich vor die Barrikaden zurück. Als dann die Räumungspanzer und die noch später herbeigerufenen SEK-Einheiten zur Rückeroberung der heiss umkämpften Barrikaden am Oranienplatz und in der Oranienstrasse ansetzten, waren zwischenzeitig Tausende aus den Mietshäusern auf der Strasse. So entbrannte ein hin und her um die Kontrolle der Oranienstrasse. Zwei SEKler, die in Hauseingänge gezerrt wurden, konnten nur noch mit gezogener Schusswaffe durch ihre Truppe befreit werden. Mit einsetzender Dunkelheit hatten auch viele Anwohner keine Hemmungen mehr, Gegenstände und Wurfgeschosse aus ihren Fenstern und von ihren Dächern zu werfen, so dass der Einsatzleiter der SEK-Einheiten nach veröffentlichten Funkprotokollen innerhalb von einer Stunde 58 von seiner 100-Mann starken Truppe als verletzt melden und gegen 22 Uhr den Rückzug befehlen musste. Wenn schon die bis dahin innerhalb der Polizei gehätschelte und berüchtigten SEK-Truppen sich dem Kampf nicht mehr stellen wollte, sahen wohl die anderen Hundertschaften auch keinen Grund mehr sich der Gefahr des agierenden „Mobs“ auszusetzen. Die öffentlichen Verkehrsmittel waren auf Anweisung der Bullen stillgelegt und alle, die im Kiez auf der Strasse ein Gefühl des Sieges über den sonst so übermächtigen Feind hatten – von türkischen Nachbarn bis zum Autonomen – waren vereint. Nach Hause wollte noch Niemand, und so begannen die ersten gemeinsamen Plünderungen von Supermärkten…; während die anderen schon auf der Suche nach DenunziantInnen oder KollaborateurInnen waren, die man während des Riots wargenommen hatte.

Drei Jahre nach dem Ende der HausbesetzerInnenbewegung, wo viele ImmigrantInnen zwar symphatisiernd aber mehr in der ZuschauerInnenrolle und stillem Nebeneinander die Kämpfe mitverfolgten, war es dieser Tag, der für viele ausländische Jugendliche auch den Ausbruch aus ihren Familienstrukturen darstellte und das gemeinsame Kampf und Wir-Gefühl im Stadtteil zu einem Aufbruch gegen das System wurde. So ist auch verständlich, warum gerade eine grosser Teil dieser Bevölkerungsgruppe im Stadtteil traditionell auf der Revolutionären 1. Mai-Demonstration präsent ist.

Autonome KommunistInnen / Web-Archiv