Diskussion

Beitrag zur Revolutionären 1. Mai-Diskussion 2020

15.04.2020

von: anonym, Indymedia
https://de.indymedia.org/…

-English version below-

Auch 2020 muss der 1. Mai stattfinden und wir uns organisieren.
Aber wie schaffen wir den Spagat, unseren Protest auf die Straße zu tragen und trotzdem der Verantwortung jedes*r Einzelnen gerecht zu werden?

Dieser Beitrag bietet keine fertigen Konzepte, sondern ist genau das, ein Beitrag zu der Diskussion, mit Vorschlägen und offenen Fragen.

Dieser Beitrag soll als Spiritus für die hoffentlich bald aufflammende Diskussion um den revolutionären 1. Mai verstanden werden.

Wir haben uns in unserer Gruppe auch ein paar, teilweise kontroverse Gedanken gemacht, wie der 1. Mai sowohl solidarisch, als auch widerständig gestaltet werden kann.

Wie bereits in dem Debattenbeitrag (https://de.indymedia.org/node/75857) der Vorbereitungsgruppe veranschaulicht, gibt es viele wichtige Gründe, die die Notwendigkeit eines lauten, bunten und krachenden 1. Mai herausstellen.

Um noch zwei konkrete Gründe mitanzufügen:

– Das erste bedrohte Projekt wurde geräumt. Das Kapital macht trotz Corona keine Pause und hat schon gar kein Mitleid. Es zwingt die Bewohner*innen des besetzten Wagenplatzes an der Rummelsburger Bucht, den Sabot Garden, in die Obdachlosigkeit!
-> https://de.indymedia.org/node/76428

– Der Gerichtsprozess der Liebig34, angesetzt für den 30.04., soll immer noch stattfinden. Lasst uns da in Sicherheitsabstand, mit Atemmasken und Sonnenbrillen hin. Solange Räumungen und Gerichtsprozesse stattfinden, darf auch der Protest nicht ruhen.

Doch nun zu unseren Überlegungen:

1. Idee: Selbstorganisierte Demonstration

Es wird ein großflächiger Start- und Endpunkt festgelegt. Die Abstands und Vermummungsregeln werden eingehalten wie bei der Demo am Kotti am 28.03. Die Demo zieht zum Beispiel, weitverstreut vom Oranienkiez zum Nordkiez, oder von wo zu wo auch immer. Es gibt keine festgelegte Route sondern die Leute wählen jeweils ihre eigene Route nach Eigenverantwortung.

Pros:
– Es können große Abstände eingehalten werden
– Die Demo gibt trotzdem ein gemeinsames Bild und ist hörbar

Cons:
– Sofortiges Einschreiten der Doof-Bullen, unabhängig von getroffenen Vorsichtmaßnahmen (siehe Seebrückendemo etc.)
– Durch gemeinsame Anreise, auch mit ÖPNV, erhöhte Ansteckungsgefahr
– Gefahr, medial als unsolidarisch trotz Vorsichtsmaßnahmen, dargestellt zu werden

2. Idee: Dezentrale Kleingruppenaktionen

In Kleingruppen, am 1. Mai selbst oder/und der Nacht vor bzw. nach 1. Mai, vielfältige Aktionen überall in der Stadt durchführen. Aktionen müssen irgendwie in Verbindung gesetzt werden können: Gemeinsamer Tag, Hashtag, aufeinander bezugnehmende PMs etc.

Pros:
– Ansteckungsgefahr kann minimiert werden
– große Bandbreite an Aktionslevel kann nebeneinander stattfinden
– schwer zu verhindern durch Cops

Cons:
– Verbindung der einzelnen Aktionen wird nicht deutlich -> unsichtbar
– Erhöhter Planungsaufwand

Wir wollen an dieser Stelle nicht herausstellen welches die bessere Variante ist, zumal wir uns selbst nicht einig sind, sondern eine Diskussion über die Vor- und Nachteile spezifischer Aktionsformen weiterführen. In jedem Fall muss der diesjährige 1. Mai von einem hohen Maß an Eigeninitiative und Selbstorganisation getragen werden. Schluss mit Konsum-Demos!

Den Revolutionären 1. Mai „ausfallen“ zu lassen, ist dabei für uns keine Option. Gleichzeitig erscheint uns das Ignorieren der Pandemie und der damit einhergehenden Verantwortung jedes*r Einzelnen, ebenfalls als keine Option. Aus Solidarität mit Risikogruppen und um das kaputtgesparte Gesundheitssystem nicht zu überlasten, muss die aktuelle Situation immer mitgedacht und ernstgenommen werden.

Protest, der diese Verantwortung ernst nimmt, ist auch auf der Straße legitim und nicht nur legitim, sondern notwendig. Wir dürfen nicht zulassen, dass der Repressionsapparat nach der Krise stärker als vorher ist.

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English:

This contribution can be viewed as gasoline to fuel the discussion around the revolutionary May 1st demonstration. We had some (also controversial) thoughts about how to frame the May 1st, so it can demonstrate solidarity and resistance.

As already illustrated in the contribution of the group that was preparing the demonstration (https://de.indymedia.org/node/75857), there are many important reasons, why this years May 1st also needs to be loud and colourful.

To add two concrete ones:

– The first project was evicted. Capitalism isn’t pausing and certainly shows no mercy. The residents of the squatted area, Sabot Garden, near Rummelsburger Bucht are now forced into homelessness.
-> https://de.indymedia.org/node/76428

– The court case on April 30th is still supposed to take place. Let’s go there together, keeping a safe distance and wearing respiratory masks and sun glasses. As long as there are evictions and court cases, our protest cannot take a break.

But now, here are our thoughts:

1. Idea: Self-organised Demonstration:

There is a widespread starting and ending point. The precautionary measures are adhered to, as was done at the demonstration at Kotti, 28.03.. The route could be, for example, from Oranienkiez to Nordkiez, or whatever… The route from start to end is self-chosen and not defined.

Pros:
– easy to keep a safe distance
– demonstration is still visible and audible

Cons:
– Immediate intervention by cops, despite any precautions (see Seebrücken Demonstration)
– Increased threat of infection caused by common arrival via public transportation
– Media might still present it as irresponsible, despite precautions

2. Idea: Decentral Actions with smaller groups

In small groups (May 1st, or the night before or after) many different actions, everywhere in the city. There needs to be something to relate the different actions: Common Tag, or hashtag, statements that refer to each other

Pros:
– risk of infection can be minimized
– High range of action level can take place simultaneously
– difficult to prevent by cops

Cons:
– Maybe relation of single actions not obvious -> invisible
– increased planning effort

We don’t want to evaluate, which of these options is better, as we are not in total agreemen ourselves, but want to contribute to the discussion. At any rate, a lot of self-initiative and self-organisation needs to carry this year’s May 1st. We don’t need another demonstration, which is just for consumption.

It is no option for us to cancel May 1st. Also it doesn’t seem to us, as an option, to ignore the pandemic and the associated responsibility of everybody. Solidarity with risk groups and the need not to overload the health system, which has suffered severe cuts over the last decades, is important to include in all considerations.

Protests on the street that take this responsibility seriously are not only legit but also necessary. We cannot allow ourselves to just watch as the repression machinery is growing during this crisis.